2007-10-12
Artikel der Salzgitter Zeitung vom Freitag, 12. Oktober 2007
Sebastian Deliga: Welche Zukunft hat aus Ihrer Sicht die Kernenergie?
Die Kernenergie ist ein Auslaufmodell mit einem Verfallsdatum etwa 2020. Das schreibt schon das Atomgesetz vor. Wenn die darin festgelegten Reststrommengen erzeugt sind, werden die Atomkraftwerke abgeschaltet.
Deliga: Ist trotz Ausstiegs die Versorgungssicherheit gewährleistet?
Wir haben bessere Möglichkeiten als Kernenergie, um unseren Energiebedarf zu decken. Ich bin ein Befürworter des Ausstiegs. Die Risiken der Kernenergie sind größer als der Nutzen.
Christa Garms-Babke: Im Schacht Konrad soll der Atommüll für immer tief untertage gelagert werden, ohne dass man später dort herankommen kann. Wie können Sie aber an der nichtrückholbaren Endlagerung festhalten, wenn Sie sich den Asse-GAU oder das ehemalige DDR-Endlager Morsleben ansehen?
Diese Frage ist sicher berechtigt. Aber erstens kann man Asse und Morsleben schon wegen der völlig anderen geologischen Verhältnisse nicht mit Konrad vergleichen. Und zweitens muss man die Vor- und Nachteile der Rückholbarkeit gegeneinander abwägen. Ich habe diese Frage 2005 mit internationaler Beteiligung untersuchen lassen. Meine Fachleute sind zu dem Schluss gekommen, dass die Nichtrückholbarkeit Vorteile gegenüber der Rückholbarkeit hat. Der Vorteil einer rückholbaren Endlagerung ist zwar, dass man weiter Zugriff auf die Abfälle hat. Der Nachteil ist, dass dies zum Beispiel auch Terroristen den Zugriff auf radioaktive Stoffe ermöglicht, von denen ein erhebliches Erpressungspotenzial ausgehen kann. Allein schon deshalb müssten wir die Behälter ständig kontrollieren.
Garms-Babke: Trotzdem: Man muss die Abfälle rückholbar lagern, weil man die Sicherheit nicht über Millionen Jahre garantieren kann.
Doch. Die genauesten Prognosen, die wir machen können, sind als Grundlage für Konrad genutzt worden. Ich habe keine Erkenntnisse, dass die Langzeit-Sicherheit nicht gewährleistet ist. Aus unserer Sicht sind bei Konrad die juristischen und wissenschaftlich-technischen Fragestellungen beantwortet.
Deliga: Konrad ist nicht mehr abwendbar. Was kommt durch den Umbau jetzt auf uns zu?
Wir brauchen zunächst zwei Jahre Vorlaufzeit zur Anpassung der Planungs- und Ausführungsunterlagen an den aktuellen Stand der Technik. Für den eigentlichen Umbau rechnen wir mit vier Jahren: Bei Schacht1, der sich unweit der Autobahn in Bleckenstedt befindet, werden die Schachtfördermaschinen, die Umkleideräume und die Werkstätten erneuert. An Schacht 2, dem Einlagerungsschacht auf dem Gelände der Salzgitter AG, werden alle oberirdischen Anlagen abgerissen, und vieles muss neu errichtet werden. Zum Beispiel die Umschlaghalle und die Pufferhalle. Untertage wird die Einlagerung vorbereitet. Dazu muss zum Beispiel eine Verbindungsstrecke im Querschnitt erweitert werden.
Garms-Babke: Ich glaube nicht, dass das unabwendbar ist: Es steht noch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus. Warum diese Eile? Sie haben für die Umsetzung des Planfeststellungsbeschlusses fünf Jahre Zeit. Es gibt einen klaren Auftrag der Politik: Im Atomkonsens wurde vereinbart, das Ende der Gerichtsverfahren abzuwarten. Mit dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts haben wir einen rechtskräftigen Beschluss. Deshalb müssen wir jetzt handeln. Die Offenhaltung von Schacht Konrad kostet Jahr für Jahr 17 bis 18 Millionen Euro. Wenn wir jetzt nicht mit der Umrüstung beginnen, würden Rückerstattungen an die Abfallverursacher auf Kosten der Steuerzahler fällig.
Deliga: Werden die Atommüll-Transporte das Stadtbild prägen?
Die Transporte werden von den Abfallverursachern organisiert und müssen von den Ländern genehmigt werden. Wir gehen heute davon aus, dass 80 Prozent der Abfälle über die Schiene transportiert werden und 20 Prozent über die Straße. Das wären pro Woche 10 Lkw und ein Zug mit 20 Waggons.
Marcel Küch: Muss man sich da nicht Sorgen um die Landwirtschaft machen. Wer kauft auf dem Wochenmarkt dann noch Produkte aus Salzgitter?
Es gibt keinen Anlass, mit einer Verseuchung von Obst oder Gemüse zu rechnen. Die Emissionen, die von Schacht Konrad ausgehen werden, sind so gering, dass daraus keine Gefährdungen zu erwarten sind.
Garms-Babke: Bei der Gerichtsverhandlung vor dem Oberverwaltungsgericht Lüneburg sahen das die Gutachter der Kläger anders.
Das ist ja ihr gutes Recht. Wir sind dem nachgegangen. Wie könnte ich als Leiter einer Behörde, die die Standards im Strahlenschutz setzt, das verniedlichen? Es wird jedoch immer Widerstände geben. Das liegt in der Natur der Sache: Wir haben als Menschen schließlich kein Sinnesorgan, das Strahlung wahrnimmt. In der Vergangenheit fühlten sich die Menschen vielleicht nicht immer ausreichend informiert. Mit der Infostelle Schacht Konrad, die wir jetzt einrichten, wollen wir sachlich und offen über das Endlager informieren.
Garms-Babke: Aber man kann Unfälle niemals sicher ausschließen. Wie wird die Bevölkerung in einem solchen Fall vor der radioaktiven Strahlung geschützt?
Wir haben verschiedene Szenarien, zum Beispiel auch einen gezielten Flugzeugabsturz, untersucht - und keinen Fall gefunden, bei dem die Grenzwerte für den Katastrophenschutz überschritten werden. Die Transporte selbst sind aber nicht Aufgabe des BfS, sondern der Abfallverursacher.
Garms-Babke: Noch mal: Was passiert bei einem Unfall?
Nach menschlichem Ermessen wird es keine katastrophalen Auswirkungen geben. Die Sicherheit wird unter anderem durch die Behälter, in denen der radioaktive Abfall einbetoniert wird, gewährleistet.
Garms-Babke: Wir bitten den Herrgott, dass er Ihren Optimismus erhalten möge!
Das ist kein Optimismus, sondern wohlbegründeter Realismus. Behälter und Transporte dürfen von der zuständigen Behörde erst genehmigt werden, wenn katastrophale Auswirkungen ausgeschlossen werden.
Küch: Warum ist der Standort Salzgitter überhaupt geeignet?
Konrad hat ein langes Genehmigungsverfahren mit umfassenden Sicherheitsnachweisen hinter sich. Der Abfall wird im Eisenerz in 800 bis 1300 Meter tiefen geologischen Schichten gelagert. Das Ganze ist durch eine 300 Meter starke Tonschicht abgedeckt und deshalb trocken.
Küch: Andere Standorte sind also weniger gut als Endlager geeignet?
Für die schwach und mittelradioaktiven Abfälle, die nur 0,1 Prozent der Radioaktivität aber über 90 Prozent der Menge ausmachen, finden wir in Konrad besonders günstige geologische Bedingungen. Man hat Konrad und Asse verglichen und die Asse ausgeschlossen. Weitere Standorte wurden wegen der außergewöhnlichen Trockenheit von Konrad nicht untersucht.
Garms-Babke: Ein Endlager muss sich fernab von wasserführenden Schichten befinden, sagt der AkEnd (vom Bundesumweltministerium eingesetzter Arbeitskreis, der Kriterien für die Suche nach einem Endlagerstandort entwickelt hat). Das ist aber bei Konrad nicht gegeben.
Die vom AkEnd formulierten Kriterien werden von Konrad erfüllt. Noch mal, Konrad ist trocken.
Deliga: Anderes Thema: Der Wissenschaftsrat hat die unwissenschaftliche Arbeitsweise des BfS und den geringen Forschungsanteil kritisiert. Was sagen Sie dazu?
Das Vorgehen des Wissenschaftsrates ist methodisch fragwürdig, wenn zum Beispiel auf eine Behörde wie das BfS mit einem gesetzlich vorgegebenen Aufgabenprofil ein Bewertungsmaßstab wie für Universitäten angewandt wurde. Eigene wissenschaftliche Forschung steht nicht im Vordergrund des BfS, sondern hat eine dienende Funktion bei der Erfüllung seiner Aufgaben. Ich kann mich auch des Eindrucks nicht erwehren, dass hier ein Stellvertreterkrieg gegen eine Behörde von Personen geführt wird, die mit politischen Entscheidungen wie dem Moratorium in Gorleben oder dem Ausstieg aus der Kernenergie nicht einverstanden sind. Sie haben beispielsweise verlangt, das BfS solle zu neuen Reaktortypen forschen oder der Betrieb der Endlager solle in die privaten Hände der DBE gelegt werden, gegen besseren Wissen, dass in einer Demokratie Behörden die Vorgaben des Parlaments umzusetzen haben. Hier scheinen auch sehr persönliche Interessen eine Rolle zu spielen. Im Wissenschaftsrat hat dieselbe Person, die maßgeblich für Entscheidungen zur Asse verantwortlich war, den Endlagerbereich beurteilt.
Garms-Babke: Gibt es in Ihrem Amt auch kritische Wissenschaftler oder nur uniformierten Meinungszwang?
Wissenschaftler müssen immer kritisch und unabhängig sein. Auch bei uns im Amt kann es zu einem Thema verschiedene Fachmeinungen geben. Die werden diskutiert, wenn nötig wird ein Kolloquium organisiert. Und abschließend finden wir eine Meinung des Amtes. Wie soll es auch anders funktionieren?

BfS-Präsident Wolfram König (Dritter von Links) stellt sich den Fragen der SZ-Leser (von links): Christa Garms-Babke, Marcel Küch und Sebastian Deliga.
49 Jahre, geboren in Lübeck Diplom-Ingenieur für Stadtentwicklung, seit 1999 Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz zuvor war König Staatssekretär im Ministerium für Raumordnung, Landwirtschaft und Umwelt in Sachsen-Anhalt und dort unter anderem für das ehemalige DDR-Endlager Morsleben verantwortlich König ist Mitglied der Grünen.
In unserer Serie "Ich stelle mich" diskutieren Leser mit interessanten Persönlichkeiten. Heute stellen folgende Leser Fragen:
![]() |
![]() |
![]() |
| Marcel Küch | Christa Garms-Babke | Sebastian Deliga |
| Der 21-Jährige hat auf dem Kranich-Gymnasium sein Abitur abgelegt. Er studiert in Braunschweig Wirtschaftsingenieurwesen und Maschinenbau. | Die 60-Jährige ist Sozialwissenschaftlerin. Ihre Doktorarbeit schrieb sie über "Die Unvereinbarkeit nicht-rückholbarer Endlagerung mit dem Grundgesetz am Beispiel von Schacht Konrad". Garms-Babke ist parteilose Landtagskandidatin der Grünen. | Der 25-Jährige studiert Rechtwissenschaften in Göttingen. Er ist seit seinem 16. Lebensjahr Mitglied der CDU und sitzt seit 2001 für die Partei im Ortsrat Süd. |
Salzgitter Zeitung, 12. Oktober 2007, Salzgitter Lokales, Seite 14, Fotos: Horst Körner
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Salzgitter Zeitung
» zum Artikel auf www.newsclick.de