Es war ein Mix aus Wahlkampf und politischer Bildung: Gemeinsam mit der SZ fühlten etwa 350 Schüler der älteren Jahrgänge des Gymnasiums Salzgitter-Bad in einer Podiumsdiskussion den Landtags-Kandidaten aus dem Wahlkreis 10 auf den Zahn. Vorbereitet haben die Veranstaltung und die Fragen Schüler des Politikkurses von Lehrer Peter Minnerup.
Bericht der Salzgitter Zeitung vom 10. Januar 2008
Podiumsdiskussion in der Aula des Gymnasiums Salzgitter-Bad (von links): Linda Blumkowski und Marvin Hoffmann (beide 12. Jahrgang), Marc Angerstein (FDP), Marcus Bosse (SPD), SZ-Redaktionsleiterin Luitgard Heissenberg als Moderatorin, Christa Garms-Babke (parteilos, kandidiert für Bündnis 90/Die Grünen) und Claudia Osterloh (CDU).
Von Peter Gamauf
SALZGITTER-BAD. "Nennen Sie ein Ziel Ihrer Politik": Mit dieser ersten Bitte der Schüler taten sich die Kandidaten teilweise schwer. "Eins?", fragte Marc Angerstein (FDP) leicht konsterniert. Politiker pflegen nun einmal umfangreiche Programme zu entwerfen - und länger über einzelne Punkte zu sprechen als jene zwei Minuten, die gestern jedem pro Thema zur Verfügung standen.
Aber Angerstein hält sich an die Vorgabe: Der Landeshaushalt müsse saniert werden. Denn: "Politisches Gestalten ist nur möglich, wenn Geld zur Verfügung steht." Marcus Bosse (SPD; "Beitragsfreiheit für Krippen- und Kindergartenplätze, Gesamtschulen, Abschaffung der Studiengebühren") schießt ebenso über das Ziel hinaus wie Claudia Osterloh (CDU): Sie legt Wert auf Bildung und berufliche Ausbildung junger Menschen und nutzt die Gelegenheit, Studiengebühren ("die finde ich auch nicht toll") als notwendig zu bezeichnen: "Wovon sollte die Ausstattung der Hochschulen bezahlt werden?" Bei einem Thema bleibt Christa Garms-Babke (parteilos, kandidiert für Bündnis 90/Die Grünen): "Kein Atommüll-Endlager in Salzgitter. Die Langzeitsicherheit ist nicht garantiert."
"Das dreigliedrige System ist ein Relikt vergangener Zeiten", sagt Bosse, fordert Gesamtschulen, "dort, wo Eltern es wollen." Das sagen auch Garms-Babke, und Osterloh stimmt zumindest dem zweiten Teil zu - mit dem Schwerpunkt auf dem mehrgliedrigen System mit Förderstufen. "Zu lange Anfahrtswege" sieht Angerstein angesichts der großen Fläche Salzgitters. "Wir wollen eine gute Ganztagsschule", pflichtet er Osterloh bei.
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In einer Gesamtschule, sagt Garms-Babke, könnten Schwächere von Stärkeren lernen, auch was Demokratie- und Sozialkompetenz betrifft, persönliche Förderungsprogramme seien ebenfalls hilfreich. "Niedersachsen ist nicht mehr das Schlusslicht", betont Osterloh, mit dem Ganztagsschulangebot sei man auf einem guten Weg. Angesichts der "Schieflage bei der Bildung" plädiert Angerstein für gezielten Abbau von Defiziten durch verbesserte Fördersysteme. Auch die Weiterbildung von Lehrern bleibe ein Thema. "Bildung beginnt früh, es geht um gleiche Startbedingungen", sagt Bosse. Bildung müsse in der Krippe einsetzen. Und man brauche hundertprozentige Unterrichtsversorgung.
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"Jeder muss die gleichen Chancen haben", sagt Osterloh. Das dritte beitragsfreie Kindergarten-Jahr sei Realität, bis 2010 soll dies auf alle Jahre ausgedehnt werden. Angerstein nickt und ergänzt: "Auch sozial schwache Familien sollen ihre Kinder in Kindergärten und Krippen schicken können." Hier sei das Geld besser aufgehoben, meint der FDP-Mann mit Blick auf die Forderung nach Abschaffung der Studiengebühren. "Nur zehn Prozent aller Kinder aus Arbeiterfamilien werden Akademiker", rechnet Bosse vor, und sagt: "Wir wollen, dass alle Jahre in Krippen und Kindergärten beitragsfrei sind." Möglichst früh Deutsch lernen: Dies müsse bereits im Kindergarten geschehen, insbesondere bei Kindern von Migranten, fordert Garms-Babke. Als ebenso wichtig erachtet sie kleine Klassen, Lernmittel- und Gebührenfreiheit.
Sind Studiengebühren sinnvoll? Die nächste Frage der Schüler. "Sinnvoll?", gibt Angerstein zurück. Die Frage stelle sich anders: Sind sie nötig? Und hier sagt der Freidemokrat Ja. Das Land sei nicht in der Lage, freie Kindergarten- und Hochschulplätze parallel zu finanzieren. Einkommensschwächeren werde mit Bafög geholfen. "Wir werden die Gebühren abschaffen", verkündet Sozialdemokrat Bosse. Die Nebenkosten eines Studiums - Miete, Laptop - dürften nicht außer Acht gelassen werden. Garms-Babke gibt Bosse Recht: Deutschland brauche qualifizierte Menschen, aber keine Berufsanfänger mit Darlehensschulden. Osterloh hat die Frage nach den Studiengebühren bereits eingangs beantwortet. "Wir haben einen Riesen-Schuldenberg übernommen", sagt sie, "wir müssen Gebühren nehmen, auch wenn es weh tut."
Ein Problem ja, sagt Bosse, aber nicht erst nach den jüngsten Vorkommnissen, eher "ein reines Wahlkampfspektakel". Täter sollten schnell bestraft werden, damit die Tat noch im Gedächtnis ist. Das Strafmaß sollte ausgeschöpft werden. "Übel für die politische Kultur" findet Garms-Babke, dass der hessische Ministerpräsident Roland Koch das Thema in den Wahlkampf bringe. Lösungsansätze sieht sie woanders: Auf Resozialisierung setzen, Psychologen für die Schulen, mehr Personal in den Jugendämtern und Polizei auf den Straßen, Bildung und berufliche Perspektiven für junge Leute. Das Strafmaß ausschöpfen, die Hauptschule stärken, junge Menschen in Ausbildung und Beruf bringen: dafür spricht sich auch Osterloh aus. "Das ist kein Wahlkampfgetöse, die Diskussionen sind immer wieder wichtig", sagt Angerstein. Gefordert sei unter anderem die Familie, wo begonnen werden müsse, Grenzen aufzuzeigen. Junge Leute würden "zu früh vor dem Fernseher abgeladen".

Salzgitter Zeitung, 10. Januar 2008, Salzgitter Lokales, Seite 20
Fotos: Horst Körner
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